Widerstand

Esther Bejarano (1924 – 2021)

Esther Bejarano, 70 Joer Befreiung vum Faschismus-125
Foto: 2015, Jwh at Wikipedia Luxembourg, Esther Bejarano, 70 Joer Befreiung vum Faschismus-125, CC BY-SA 3.0 LU

Meine liebe Esther,

nun hast Du uns verlassen …

Wir dachten doch, Du würdest mindestens hundert Jahre alt, so voller Pläne und Zukunftswünsche, aber voller Sorgen um unser Land. Seit sechzig Jahren, als Du mit Nissim, Edna und Joram nach Deutschland kamst, warst Du, wart Ihr Teil meiner Freundes-Familie, und so viele Erinnerungen verbinden uns mit Dir!

Als beispielsweise in Eurer Wäscherei gleich nach der Rückkehr eine Kundin Deine KZ-Nummer sah und fragte: „Wie? Tätowiert man sich schon wieder?“ oder beim Opernbesuch in Ostberlin, als Menschen auf Dich zukamen und sagten: „Wir wissen, was Sie erlebt haben, wir fühlen mit Ihnen!“

Nie vergesse ich den Augenblick, als mein Vater und ich vollkommen verzweifelt in der Wohnung saßen und um meine Mutter trauerten, da klingelte es an der Tür und Du, Steffi und Elsa standen in der Tür, um bei uns zu sein.

Und dann, als Du die neuen Nazi-Umtriebe voller Angst am eigenen Leibe erlebtest und Du beschlossest, nicht mehr zu schweigen, trotz der immer wiederkehrenden nächtlichen Alpträume. Als Deine mahnende und erinnernde Stimme immer lauter und kräftiger wurde und junge Menschen und Menschen meines Alters von Deinen Erzählungen tief berührt wurden und Du ihnen Vorbild wurdest. Heute erreichen mich viele tröstende Anrufe von Freunden, denen Du so viel gegeben hast und die niemals die Begegnung mit Dir vergessen werden.

Zu Deinem Geburtstag, den wir „dank“ Corona nicht gemeinsam feiern konnten, stellte Karl Heinz ein dickes Buch zusammen, mit all den Glückwünschen und guten Wünschen Deiner vielen, vielen Freunde. Du hast dich so darüber gefreut!

Noch am 10. Juni saßen wir, die „Mädels“ bei Dir auf der Terrasse, waren fröhlich und aßen, was wir mitgebracht hatten. Voller Begeisterung zeigtest Du mir Dein neues großes iPad: „Guck mal, dieser Klang! Gestern habe ich mir Beethovens Fünfte angehört!“ Als wir nach vier Stunden gehen wollten, sagtest Du: „Wie, ihr wollt schon gehen?“ Alles schien so normal … Und dann, am nächsten Tag stürztest Du und Dein verantwortungsvoller Arzt und Freund wollte Deinem schweren Husten auf den Grund gehen und schickte Dich ins Krankenhaus. Eine gute Freundin stellte eine Freundinnen-Truppe zusammen, die Dich nach der Entlassung bekochen und betreuen sollte, daraus wurde nichts mehr. Ein Bett wurde ins Zimmer gestellt, so dass Du auch bei Nacht nicht allein warst.

Gestern saßen wir an Deinem Bett, Deine Familie sang für Dich und Du schienst das zu genießen. Bis zum Schluss warst Du umringt von Menschen, die Dich lieben und diese Liebe nie vergessen werden.

Wenn Du wüsstest, wie sehr Du fehlst! Die Zeitungen sind voll von traurigen und dankbaren Worten all derer, die Dich kennenlernen durften. Esther, Du bist ganz tief in unseren Herzen!

Norma van der Walde

Addi Matschke

Addi Matschke war ein führendes Mitglied der großen norddeutschen Widerstandsgruppe um Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Robert Abshagen, die 1942 von der Gestapo zerschlagen wurde. Der unten stehende Text stammt aus Interviews, die in den 70ger Jahren mit ihm geführt wurden. Auch Katharina Jacob gehörte dieser Widerstandsgruppe an (siehe unter „Bücher“). Wir recherchieren weiter, werden den Text vervollständigen und mit Quellen veröffentlichen.

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Über meinen Vater Artur Burmester

Von Traute Sander geb. Burmester

Wenn ich an meinen Vater Artur Burmester, 1915 bis 1985, denke, dann fällt mir als erstes ein, dass er – in meiner Kinderzeit – fröhlich war und am Sonntag – wenn er nicht arbeiten musste – morgens schon gesungen hat „Wir fürchten nicht…“ (1), und wir überlegten alle zusammen, welchen Ausflug wir machen wollten. Auch hatte er Spaß daran, mit Menschen zu diskutieren. Samstags ging er – und nahm mich mit – seine Zeitung „Hamburger Volkszeitung“ (Zeitung der KPD) zu verkaufen. Das war so ca. 1950. In Hamburg wurden nach dem Krieg viele Menschen in sogenannten „Nissenhütten“ (runde Blechhütten, die oft auf Sportplätzen aufgebaut waren und mit vielen Personen belegt waren) untergebracht, es waren noch nicht genug Wohnungen wieder gebaut worden. Ins Nissenhüttenlager gingen wir also und versuchten, die Leute zum Kauf der Zeitung zu bewegen. Auch an Gedenkmärsche für die Opfer des Faschismus von Barmbek bis Friedhof Ohlsdorf kann ich mich erinnern – auch dazu nahm er mich mit. Das war damals für mich als Kind ein weiter Weg und von den Reden habe ich nicht viel mitbekommen. Nach dem Verbot der KPD 1956 wurde er, vorher Verlagsleiter, arbeitslos. Dann arbeitete er im Heinrich-Bauer-Verlag. Er wurde zunehmend stiller und versuchte, eine Rente wegen in der Nazizeit erlittenen Unrechts (Wiedergutmachung) durchzusetzen. Ich habe das zu meiner Kinder- bzw. Jugendzeit nicht verstanden, warum das wichtig für ihn war.

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Gedicht des Monats: Wollen Sorgen mich umschlingen

von Wolfgang Szepansky

Wollen Sorgen mich umschlingen,
will die Einsamkeit mich quälen,
weiß ich stets durch frohes Singen
Mut und Geist und Herz zu stählen.

Reiße wohl das Fenster auf,
jag die bösen Geister fort,
nehme alle Kraft zuhauf,
wünsch mich an den schönsten Ort.

Und mir ist es nun,
als könnten Mauern mich nicht halten.
Ich kann lassen, ich kann tun,
kann wie freie Menschen walten.

Neue Zukunftsmelodien
will ich mutig singen!
Und ich triumphiere kühn:
Ihr könnt mich nicht zwingen!


Wolfgang Szepansky (* 9. Oktober 1910 in Berlin-Wedding; † 23. August 2008 in Berlin-Schöneberg) war ein deutscher Antifaschist, kommunistischer Widerstandskämpfer, Autor und Maler.

Als die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 in die Niederlande einfiel, wurde Wolfgang Szepansky in das KZ Sachsenhausen verbracht. Wegen des Zusammenlebens mit einer holländischen Jüdin wurde er aus Gründen der „Rassenschande“ zu zweijähriger Gefängnishaft verurteilt, die er im Strafgefängnis Tegel in Berlin verbüßte. Dort entstand das Gedicht. Danach wurde er wieder in das KZ Sachsenhausen zurückgebracht. Dort 1945 befreit.

Quelle: Autobiografie „Dennoch ging ich diesen Weg“.

1. Mai

„Wir haben den 1. Mai auch in der Nazizeit gefeiert, im kleinen Kreis unter Freunden. Rote Blumen waren immer da.

Mein allerschönster 1. Mai aber war der 1. Mai 1945.

Als Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück wurden wir noch in den letzten Apriltagen aus dem Lager getrieben. Am Morgen des 30. April schallte es durch den Lautsprecher: „Alle deutschen Frauen an den Straßenrand!“ Wir berieten uns kurz und beschlossen nicht hinunterzugehen. Zum ersten Mal folgten wir einem Befehl der SS nicht. Nach einigen Stunden stellten wir fest, dass sie sich abgesetzt hatte. Eine stundenlange, nicht enden wollende Stille bricht an. In der Nacht steht ein junger Rotarmist vor unserem Erdloch, der uns verständlich macht, wir sollen in unseren Unterständen bleiben, er gehöre nur zur Vorhut.

Am Morgen, es ist der 1. Mai 1945, begrüßen uns russische Offiziere und Soldaten. Einer sagt in bestem Deutsch: „Guten Morgen, liebe Frauen. Ihr könnt nach Hause gehen. Ihr seid frei!“ Ich höre ihn noch.

Es ist ein herrlicher Sonnentag, dieser 1. Mai. Auf der Straße zieht die sowjetische Armee vorbei. Auf jedem Panzer stehen vorn zwei baumlange junge Rotarmisten. In ihren Händen lange rote Fahnen, die im starken Wind flattern. Es ist, als seien sie zu unserer Begrüßung angetreten. Wir lachen und weinen, wir winken und grüßen.

Auf einmal breitet sich eine große Stille aus, und dann braust ein Lied auf – in vielen Sprachen gesungen: Völker, hört die Signale!“

Katharina Jacob

Zitat aus dem Buch „Widerstand war mir nicht in die Wiege gelegt“ von Katharina Jacob, ISBN: 978-3-948478-06-3, Verlag: Galerie der abseitigen Künste. Erscheinungsdatum: Mitte Mai 2020 (siehe auch unter: Bücher).

Carlheinz Rebstock

Carl-Heinz Rebstock, – er selbst schrieb immer Carlheinz – (geb. am 16. Januar 1917, gest. am 29. Juni 1986), nahm am Hamburger Widerstand aktiv teil. Er war als Schüler der reformorientierten Lichtwark-Schule in Hamburg-Winterhude früh mit sozialistischer und kommunistischer Politik in Berührung gekommen und wurde Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands). Am 30. Januar 1933 übertrug Reichspräsident von Hindenburg die Reichskanzlerschaft an Hitler. Deshalb entschloss sich Carlheinz Rebstock, nach der Mittleren Reife die Schule zu verlassen und am Widerstand teilzunehmen. Er gehörte in den Jahren 1933 bis 1936 bis zu seiner zweiten Verhaftung im Mai 1936 dem proletarischen und kommunistischen Widerstand, der ein Bestandteil des demokratischen deutschen Widerstands war, an. Nach der Beendigung der Schule absolvierte Carlheinz Rebstock eine Tischlerlehre und legte die Gesellenprüfung ab.

Er war zunächst in einer illegalen Gruppe des KJVD aktiv, baute 1933 mit Freundinnen und Freunden aus Hamburg-Barmbek eine jugendliche Widerstandsgruppe auf, die aus parteilosen, jüdischen und kommunistischen Mitgliedern bestand. Viele wurden 1934 aufgrund Verrats verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu Haftstrafen verurteilt.  (mehr …)

In Planung: Harry Naujoks – Mein Leben im KZ Sachsenhausen

In Planung:  Harry Naujoks – Mein Leben im KZ Sachsenhausen – 1936 bis 1942 Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten

Die Erinnerungen wurden herausgegeben von Martha Naujoks und dem Sachsenhausenkomitee für die BRD im Jahr 1989. Der Dietz Verlag Berlin veröffentlichte eine Lizenzausgabe für die DDR. 

Harry Naujoks, geboren 1901 in Harburg, Beruf Kesselschmied. Trat 1918 der Gewerkschaft und 1919 der KPD bei. 1934 Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“; zwei Jahre und drei Monate Zuchthaus. 1936 KZ Sachsenhausen, von Mai 1939 bis September 1942 Erster Lagerältester, danach KZ Flossenbürg. Bis zu seinem Tode am 20. Oktober 1983 Präsident des Sachsenhausen-Komitees in der BRD und Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees.  (Daten vom Klappentext der Buchausgabe von 1989) (mehr …)

Niederschrift nach Berichten von Lucie Hess

Niederschrift nach Erzählungen von Lucie Hess am 6.12.1984 und 12.12.1984 in der Leipziger Str. 54 von Dr. Alfred Drögemüller. Zusammengetragen von Nov. 1984 bis Febr. 1985 von Ursula Suhling (Bezirks-Geschichts-Kommission der VdN Berlin), Grete (Saefkow-Gruppe „Ilse“) und Alfred Drögemüller.

Zielstellung: Sammlung von Fakten über die Tätigkeit (Unterkünfte, Verbindungen, Wirken) des Genossen Bernhard Bästlein vom Tage seiner Flucht aus dem Gefängnis Plötzensee am 29. Januar 1944 bis zu seiner erneuten Festnahme am 30. Mai 1944.

Am 28./29. Januar 1944 fand ein Luftangriff statt, bei dem Teile des Hauptgefängnisses Plötzensee zerstört wurden. Dabei gelang es Bernhard Bästlein zu fliehen. In Plötzensee hatte B.B. vom Genossen Alf Raddatz, den er aus Hamburg kannte, die Adresse der Lebenskameradin des Raddatz, der Lehrerin Johanna Falcke in Berlin-Halensee sowie die Adresse des ihm (Raddatz) bekannten Tischlermeisters Walter Glass in der Wilhelmstraße erhalten. Genosse B.B. hat zunächst versucht, sich mit Glass in Verbindung zu setzen. Das misslang, weil das Viertel um die Wilhelmstraße wegen der Einwirkungen des Bombenangriffs abgesperrt war. Danach hat er sich nach Berlin-Halensee begeben. (mehr …)

Kurze Biografie Agnes Gierck

Agnes Gierck (geb. Höhne), geboren am 28. Februar 1886 in Wechmar, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie besuchte die Volksschule bis zur Selekta. Aus finanzieller Not konnte ihre Familie sie nicht auf die Höhere Schule schicken. Nach dem Umzug ihrer Familie nach Hamburg arbeitete sie als Hausangestellte, später als Plätterin.

1909 heiratete sie den Steinträger Karl Gierck, mit dem sie die gleiche politische Überzeugung verband. Sie lebten mit ihren drei Kindern, einer Tochter und zwei Söhnen, in Hamburg-Langenhorn, Wattkorn 8.

1929 trat das Ehepaar der KPD bei und schloss sich 1933 dem illegalen Widerstand an. Bereits vor dem Machtantritt Hitlers begann die KPD, sich auf die Illegalität vorzubereiten, z.B. wurden überall Fünfergruppen gebildet. In einer dieser Fünfergruppen in Langenhorn arbeitete Agnes Gierck mit. Sie war Hauptkassiererin für Parteibeiträge und sammelte Geld für die Rote Hilfe. Die Rote Hilfe unterstützte Familien, deren Angehörige wegen ihrer politischen Einstellung eigesperrt waren bzw. verfolgt wurden. Agnes beteiligte sich an der Verteilung illegaler Zeitungen und Flugblätter. Diese warnten vor dem Ziel der Nazis: einem kommenden Krieg und forderten die Menschen auf, sich zu wehren. (mehr …)