Zum Selbstverständnis der Kinder des Widerstands

Kinder und Enkel von Verfolgten und Widerstandskämpfer*innen (Hmb.)

Im Jahr 2017 haben wir Kinder von Verfolgten des Naziregimes und von Widerstandskämpfer*nnen uns in Hamburg zusammengefunden. Seitdem treffen wir uns regelmäßig und arbeiten an verschiedenen Projekten. Wir tauschen uns über den Kampf und die Leiden unserer Vorfahren aus und sprechen über unsere eigenen Erlebnisse und Erfahrungen als Nachkommen.

Wir versuchen Dinge zu entschlüsseln, die uns noch verborgen sind, möchten erfahren, was andere erfahren haben und erleben, wie andere mit dem umgehen, was uns geprägt hat und weiter beschäftigt. Es eint uns eine tiefe Abscheu gegen den Nazismus und alle Formen des Faschismus.

Viele von uns haben ein sehr bewegtes, politisch aktives Leben hinter sich und waren schon als Jugendliche in den verschiedenen Bewegungen gegen alte und neue Nazis, gegen den „Muff aus tausend Jahren“ und für Frieden und Demokratie dabei. Die meisten von uns haben quasi mit der Muttermilch ein „kommunistisches Menschenbild“ vermittelt bekommen, denn dessen Kern – ein Leben ohne Ausbeutung, ohne Rassenhass, in Gleichheit und Solidarität einte in der Nazizeit den Widerstand. Doch schon bald nach der Befreiung vom Faschismus führte der Kalte Krieg zur erneuten Verfolgung unserer Eltern, wurden einige von uns vom Berufsverbot bedroht.

Wir mussten uns mit den Enthüllungen über die Willkür und über die Verbrechen auseinandersetzen, die im Namen unserer Ideale verübt wurden und die manche unserer Eltern und Großeltern auch ganz persönlich trafen. Und nicht zuletzt erlebten wir die Niederlage des „realen Sozialismus“, das vorläufige Ende des Traumes mehrerer Generationen.

Gleichzeitig hatten manche von uns ein zweites, inneres Kampfgebiet; gegen die Folgen von Folter und Misshandlungen und die psychischen Schäden,  die unsere Eltern und Großeltern in den Lagern der Nazis und während ihres widerständigen Lebens erlitten und an uns weitergegeben hatten und über die zum Großteil geschwiegen wurde. Hilflos mussten wir mit den Auswirkungen dieser psychischen Prozesse umgehen, ohne sie überhaupt verstehen zu können, denn die Ursachen lagen ja außerhalb der eigenen Person. Ob und wie wir die an uns weitergegebenen Beschädigungen  zunächst verstehen konnten und in der Folge die Auswirkungen in uns erkennen und bewältigen konnten und ob wir genügend Souveränität über unser eigenes Leben von ihnen mit auf den Weg bekommen haben, das war und ist bei jeder und jedem von uns anders ausgeprägt.

Wir waren mit einer Vielzahl von Widersprüchen konfrontiert, mit vielen z.T. parallel verlaufenden historischen Prozessen. Fest steht: Wir waren nicht nur die Objekte der Erziehung unserer Eltern und Großeltern. Wir waren und sind auch die Subjekte unseres eigenen Lebens. Wir achten und schätzen die historische Tat unserer Eltern, die im Kern darin bestand, den mörderischen Nationalsozialisten eine elementare Humanität entgegen gehalten zu haben. Dieses Widerstehen fand oft auch unspektakulär, im Stadtteil, in den Ghettos, in den KZs, in Auschwitz, unter Partisanen, an den Fronten, in der Zuchthauszelle, in Kriegsgefangenschaft und im Exil statt.

Diese Humanität möchten wir Kinder und Enkel weitertragen. Wir möchten die mutigen Taten der Verfolgten und Widerständigen zusammentragen und bewahren, die sich gegen den rassistischen, nationalistischen, sozialdemagogischen und terroristischen Faschismus und Nationalsozialismus auflehnten. Vielleicht können wir daraus manches rekonstruieren und verstehbar machen und mithelfen neue Bilder für eine friedliche Zukunft zu entwerfen.

Wir Kinder und Enkel haben für uns beschlossen vielfältige, lebendige, manchmal auch berührende Treffen zu gestalten. Dabei wollen wir nicht ausschließlich politische Kriterien und Zielsetzungen haben: Wir wollen von und über uns sprechen. Als gesellschaftlich engagierte Menschen sind wir selbst auch Thema, wenn wir das wollen.

Die Konfrontation mit dem Leid und dem Kampf unserer Eltern und Großeltern hat unser Leben entscheidend mitgeprägt. Wir denken, dass persönliche Begegnungen auch in Zeiten neuer Medien ein wichtiges Element des Erinnerns und des Gedenkens bleiben. So empfinden wir Nachkommen es auch als unsere Aufgabe unsere eigenen Erfahrungen und die unserer Vorfahren in Gedenkveranstaltungen, in Schulen und Bildungsstätten, weiterzugeben. Mögen unsere Lebens- und Familiengeschichten die Menschen von heute zu einer widerständigen Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrevision, gegen Ignoranz, Menschenverachtung und Kriegstreiberei anregen. Als Nachkommen der NS-Verfolgten, des Widerstands und des Exils wollen wir uns gemeinsam für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Solidarität einsetzen.

Kinder des Widerstands - Logo

Diskussion zu ‚Versöhnungstheater. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur. Essay von Max Czollek‘

Der Text von Max Czollek führte zu kritischen, nachdenklichen, zustimmenden und zornigen Reaktionen. Wir stellen diesen, zunächst internen „Briefwechsel“ nach Abstimmung mit den Autor*innen nun so ins Netz. Er ist ein Meinungsstreit über die Bewertung der deutschen Geschichte mit dem zugleich Strategien für eine demokratische Gesellschaft in den Blick geraten.

Der Meinungsstreit geht los …

Zunächst forderte der Czollek-Text Widerspruch heraus, der in drei Aspekten zusammengefasst ist:

Ich bin etwas unglücklich mit dem Text vor Max Czollek auf unserer Website. Drei Perspektiven auf den Text ermutigen mich für eine Neubewertung. 1. Die Niederlage der Linken. Daraus folgt für mich, Dogmatismus nicht unwidersprochen stehen zu lassen. 2. Unser Bemühen, in Schulen Aufklärungsarbeit zu leisten, zwingt uns dazu, nachvollziehbar zu argumentieren. 3. habe ich vom Berliner Mädchenchor gehört, der für sein Anne-Frank-Projekt geehrt wurde (https://stimmenueberleben.de/).

Zu 1.Schwarz-Weiß-Denken

Das offizielle deutsche Verständnis der Erinnerungskultur repräsentiert durch Steinmeier und Weizäcker (z.B. mit dem Wunsch nach Versöhnung) führe zum ­“Versöhnungstheater“. 

Ich habe die Worte Weizäckers damals als hilfreich und auch als überfällig empfunden, ähnliches gilt auch Steinmeiers Äußerungen. Sie als „Versöhnungstheater“ zu definieren, konstruiert eine überflüssige Abgrenzung zur „bürgerlichen“ Mitte hin und ist für die politische Praxis schädlich.

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Rolf Becker liest Texte von und über Carl von Ossietzky

Samstag, 7. September um 14.30 h im Forum (Apostelkirche Eimsbüttel) Lappenbergsallee

anlässlich des Plenums der Kinder des Widerstands. Die Lesung ist öffentlich und der Eintritt ist frei. Der hvv-Bus Nr. 4 hält vor der Tür.

Carl von Ossietzky
Bundesarchiv, Bild 183-93516-0010 / Walter Sohst, Heiner Kurzbein / CC-BY-SA 3.0

Carl von Ossietzky, geboren 1889, war ein bedeutender Schriftsteller. Rolf Becker erinnert an den entschiedenen Pazifisten, Journalisten, Herausgeber der „Weltbühne“ und Friedensnobelpreisträger, der früh vor dem heraufziehenden Faschismus warnte. Ossietzky starb am 4. Mai 1938 an den Folgen der schweren Misshandlungen, die er im KZ Esterwegen und anderen KZs erleiden musste.
Mit Rolf Becker hätte sich dabei kein besserer finden können, um sich dieser Thematik zu widmen. Er selbst ist seit Jahrzehnten erfolgreicher Schauspieler in Theater, Film und Fernsehen und gleichermaßen politisch engagiert als Antifaschist, Gewerkschaftler und Friedensaktivist.

Wir trauern um Ilse Jacob

Ilse Jacob am 3. Juni 2023, als sie mit uns ihren 80. Geburtstag nachfeierte (Foto: Miguel Ferraz Araújo)

Auf kaum jemanden trifft das Wort «unermüdlich» so sehr zu, wie auf Ilse, die seit unserem ersten Treffen 2017 ein aktives Mitglied der «Kinder des Widerstands» war. Sie war die Tochter von Katharina und Franz Jacob, beide Eltern standen in der ersten Reihe des kommunistischen Widerstands in den Jahren des Naziterrors, dem Franz Jacob zum Opfer fiel. Er wurde am 18. September 1944 hingerichtet.

Ilses Start ins Leben war denkbar gefährdet. Sie wuchs ohne Vater auf – er wurde nach Jahren der KZ-Haft 1939 entlassen, baute die große Bästlein-Jacob-Abshagen-Widerstandsgruppe in Norddeutschland mit auf, wurde 1943 erneut von der Gestapo gesucht, verließ Hamburg und arbeitete illegal in Berlin weiter. Katharina reiste mit der kleinen Ilse nach Berlin, dort arrangierte die Genossin Charlotte Gross ein geheimes Familientreffen. So befand sich Ilse für ein paar Stunden im Arm des Vaters. 1944 wurde die Mutter – ebenfalls erneut – verhaftet, sie übergab Ilse den Nachbarn, die sie zu den Großeltern brachten. Katharina erlebte die Befreiung während des Marsches aus dem KZ Ravensbrück Ende April 1945.

Ilse war ihr Leben lang organisiert, in der Geschwister Scholl Jugend, dem SDS (1963 als Hamburger Vorsitzende), der VVN-BdA (langjährig als Mitglied des Hamburger Vorstands), der DKP und in der GEW. Immer wenn sie gefragt wurde, berichtete sie z. B. vor Schulklassen über den Kampf ihrer Eltern.

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Der Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee 2023 geht an die Kinder des Widerstands für das Harry und Martha Naujoks Projekt!

Laudatio „Kinder des Widerstands“

Liebe Freundinnen und Freunde, werte Gäste, und vor allem, liebe Kinder des Widerstands,

Schreibt endlich die Geschichte des Hamburger Widerstands!“ Das forderte der Publizist Erich Lüth, bekannt für seinen Aufruf zum Film-Boykott von Veit Harlan, zwanzig Jahre nach der Befreiung vom Naziregime. Inzwischen sind fast 60 weitere Jahre vergangen – und eine Gesamtschau des Hamburger Widerstands steht nach wie vor aus.

Nachkommen derjenigen, die in Hamburg unter Einsatz ihres Lebens Widerstand geleistet haben, tragen jedoch Schritt für Schritt dazu bei, diese Lücke ein wenig zu füllen.

Nach dem Vorbild der Kinder des Widerstands in Nordrhein-Westfahlen hat sich 2017 in Hamburg eine Gruppe zusammengeschlossen, die eines gemeinsam hat: Ihre Eltern oder Großeltern waren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv. Sie sind aufgewachsen mit den Geschichten ihrer Familien über die Erfahrungen von Widerstand und furchtbaren Erlebnissen von Folter und Haft und zugleich mit einer Haltung des aktiven Antifaschismus. Für etliche Nachkommen ergab sich daraus wie von selbst ein eigenes politisches Engagement, häufig schon seit frühester Jugend.

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Den Reichstagsbrand und seine Folgen nie vergessen – Erklärung der „Kinder des Widerstandes“ (NRW)

Am Abend des 27. Februar 1933 brannte das Gebäude des Deutschen Reichstags in Berlin. Adolf Hitler und andere Naziführer trafen sofort an der Brandstelle ein und beschuldigten die Kommunisten, den Brand gelegt zu haben. Hitler bezeichnete den Brand als ein „von Gott gegebenes Zeichen“, um die Kommunisten „mit eiserner Faust zu vernichten“. Die Nazis eröffneten einen Terrorfeldzug größten Ausmaßes und verhafteten noch in der Brandnacht rund 12.000 Mitglieder der KPD und der SPD, ferner parteilose Demokraten. Viele von ihnen wurden gequält und für lange Zeit eingesperrt, unzählige verloren ihr Leben. Bereits am Morgen nach dem Brand wurde eine Notverordnung zur Beseitigung der Verfassung und zur „Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte“ erlassen, Rechte und Freiheiten der Bürger beseitigt, Arbeiterzeitungen verboten. Antifaschistische Betätigung wird mit der Todesstrafe bedroht.

Unter den Verhafteten befanden sich auch Eltern und Großeltern der Gruppe „Kinder des Widerstandes“.

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In der Ukraine tobt der Krieg

Sind Verhandlungen möglich und sinnvoll?

In der Ukraine tobt der Krieg. Keine Seite ist bereit zu Verhandlungen. Wieso soll es dann sinnvoll sein, jetzt oder überhaupt Verhandlungen zu fordern?

Die Verhandlungsoption darf nicht untergehen. Wenn der Krieg nicht durch die Kapitulation einer Partei beendet werden wird (wonach es derzeit nicht aussieht), kann er nur durch ein zuvor ausgehandeltes Abkommen beendet werden. Wie wir sehen, eskaliert auch dieser Krieg – und mit ihm wächst die Zahl der Opfer und Zerstörungen. Und mit höheren Opferzahlen und weiteren eingesetzten Milliarden wächst der Erfolgsdruck beider Seiten. So wird eine Einigung immer schwieriger.

Putin hat ausgeschlossen, mit Selenskyj zu reden, und Selenskyj hat Verhandlungen mit Russland sogar per Gesetz verboten: Da sind doch Verhandlungen schwer vorstellbar?

Ja, es braucht wohl eine glaubwürdige Vermittlungsinstanz. Dann ist ein Ergebnis möglich. Selbst Parteien, die sich strikt weigerten miteinander zu reden, haben schon Friedensabkommen  geschlossen. Nach dem sog. Sechstagekrieg 1978 lud Carter Israels Menachim Begin und Ägyptens Anwar El Sadat zu Friedensgesprächen nach Camp David ein. Die Verfeindeten weigerten sich miteinander zu reden. Mit sogenannter Pendeldiplomatie wurde die Grundlage eines Friedensabkommens gelegt.

Aber die Forderungen beider Seiten sind doch völlig unversöhnlich, ein Verhandlungsspielraum ist kaum zu erkennen. Wäre unter solchen Umständen ein Verhandlungserfolg überhaupt möglich?

In der Tat: Solange jede Seite glaubt, den Krieg gewinnen zu können, gibt es wohl nur geringste Chancen auf einen Kompromiss. In der Dynamik eines Krieges schwächen ohne erkennbaren Grund gegebene Zugeständnisse die Kampfmoral der eigenen Seite. Was an Zugeständnissen möglich ist, müsste nicht zuletzt unter Einbeziehung der politischen und wirtschaftlichen Perspektiven zu gegebener Zeit verhandelt werden. Schließlich braucht jede Seite etwas, dass sie der eigenen Partei als Erfolg verkaufen kann. Immerhin wurden ja der Gefangenenaustausch und das Getreideexportabkommen erfolgreich verhandelt.

Gibt es historische Erfahrungen zur Deeskalation, die sich nutzen lassen?

Mit den modernen westlichen Waffen konnte die Ukraine das Blatt wenden und hat ukrainisches Gebiet zurückerobert. Russland setzt nun Drohnen ein. Die Ukraine wird Wege finden, zu antworten. Die Logik des Krieges drängt auf Eskalation. Immer wirksamere Waffen kommen zum Einsatz.

Die  Kubakrise 1962 konnte schließlich gelöst werden, weil sich Chruschtschow und Kennedy nicht gegenseitig in eine  Situation gebracht haben, in der es für das Gegenüber nur noch die Wahl zwischen Demütigung oder Atomwaffeneinsatz gab.  Ob Putin eine sicherlich demütigende Niederlage hinnähme, während er die Lager voller Atom- und Hyperschallwaffen hat, ist sicherlich fraglich.

Was können wir aus dem damaligen Vorgehen lernen?

Es muss Vertrauen zwischen beiden Seiten aufgebaut werden. In der Kubakrise gab es klare Absprachen zwischen Kennedy und Chruschtschow sowie das Vertrauen, dass die jeweils andere Seite sich daran hält. Die USA verpflichteten sich, ihre in der  Türkei stationierten Mittelstreckenraketen sechs Monate später abzubauen. Chruschtschow stimmte einer Durchsuchung sowjetischer Frachtschiffe auf dem Weg nach Kuba durch US-Militär zu.

Der Krieg in der Ukraine ist eskaliert. Moderne Atomwaffen würden im Vergleich zur Hiroshimabombe nur begrenzen Schaden anrichten. Das senkt die Einsatzschwelle deutlich. Diese Katastrophe ist nicht weit. Leid und Zerstörung müssen so schnell wie möglich beendet werden. Es braucht den Druck der Friedensbewegung!

WPS

„Lassen Sie meinen Mann raus, dann brauche ich nicht zu vermieten.“ – Ille Wendt über Unterstützung und Flucht während der NS-Diktatur

„Im September 1935 wurde mein Mann Walter verhaftet und war das zweite Mal drin. Aber da war es schlimmer. Er saß im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis und im Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Und ich wurde auch immer raufbestellt zu Verhören ins Stadthaus. Das war in Hamburg die Gestapozentrale. Aber mir konnten sie nichts nachweisen.

Damals wohnte ich in der Jarrestadt im Novalisweg, da bin ich geblieben, bis dass ich 1942 ausgebombt wurde. Ich hatte meistens an Genossen untervermietet. Auch Lotte Burmester, die spätere Frau von Herbert Wehner, hat mit ihren beiden Kindern Peter und Greta hier bei mir gewohnt. Die Lotte Burmester war damals die Frauenführerin bei der Frauenorganisation der KPD. Lotte Burmester hatte über einen SPD-Genossen Gelegenheit, dass sie nach Dänemark emigrieren könnte. Nur, wie kommt sie nach Dänemark? Schon damals war es schwer zu reisen, man wurde gefilzt und man musste seine Papiere vorlegen. Novalisweg wohnten wir Parterre und hinten war so ein Gebüsch und da ist sie raus. Dann hat der Karl-Heinz Lorenzen sie mitgenommen bis nach Flensburg. Und dann hat er sie mit einem Schiff, mit so einem Nachen, rübergebracht ans andere Ufer. Den habe ich später mal richtig kennen gelernt, da hat er mir erzählt, wie er es gemacht hat: Wie das schlimm war, die Scheinwerfer und so weiter, wie sie versucht haben, sich immer flach zu legen. Aber sie hat Glück gehabt, hat es nach Dänemark geschafft. Von da aus ist sie nach Schweden, in so eine Gemeinschaft. Und da hat sie den Herbert Wehner kennen gelernt. Und ihn geheiratet.

Lotte Burmester hatte ein Jahr im Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof gesessen. Sie erzählte mir von Charlotte Ehmann, Lotti.

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Valentin Falin – hier der Kommentar eines profunden Kenners zum historischen Kern des gegenwärtigen propagandistischen Vorkriegs

Der Zweite Weltkrieg war keine Strafe Gottes. Menschlicher Egoismus, politisches Abenteurertum und unersättlicher Militarismus sind als seine eigentlichen Anstifter zu nennen. Auf ihnen lastet die Verantwortung dafür, dass die Gewalt so auswuchern und so lange toben konnte. Diesen Irrsinn, die himmelschreienden Verstöße gegen jede Moral, sollten 100 Millionen Menschen mit dem Leben bezahlen. Die Verwüstung ganzer Kontinente, die Vernichtung unersetzlicher Schätze der Geschichte und Kultur waren der Preis für den Größenwahn einzelner Persönlichkeiten und ganzer Nationen.

Die bis 1991 aufgedeckten Verluste der Sowjetunion übersteigen 27,6 Millionen Menschen.

Zwei Drittel von ihnen waren Zivilisten. In Belorussland kam jeder vierte, in Leningrad, in den Gegenden um Smolensk und Pskow jeder dritte Einwohner ums Leben. Unmenschlichkeit machte vor niemandem halt – weder vor Jungen und Alten noch vor Kranken und Elenden. 1418 Tage und Nächte verschmolzen zu dem übermenschlich schweren, tragischen und zugleich heroischen Kampf des Sowjetvolkes gegen die Hauptkräfte Nazideutschlands. Die nationale Existenz der Sowjetunion stand auf dem Spiel. Den Aggressor im direkten Kampf zu besiegen oder unterzugehen – ein Drittes gab es nicht, ganz gleich für welche Strategie und Taktik die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition sich entscheiden sollten, aus welchen Gründen auch immer sie es mit der zweiten Front nicht eilig hatten.

An der Ostfront verlor das „Dritte Reich“ zehn Millionen tote, verwundete oder gefangen genommene Soldaten und Offiziere, 48 000 Panzer und Sturmgeschütze, 167 000 Artilleriesysteme, 17 000 Kriegs- und Transportschiffe. Die Rote Armee zerschlug 607 Divisionen des Gegners beziehungsweise nahm die verbliebenen Soldaten gefangen. Das waren drei Viertel der gesamten deutschen Verluste. Dies zur Klarstellung, wo der Zweite Weltkrieg entschieden wurde.

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Versöhnungstheater. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur. Essay von Max Czollek


Ist Gedenken gleichbedeutend mit Versöhnung? Das Eingeständnis von Schuld mit Begnadigung? Aufarbeitung mit Bewältigung? Soll sich Geschichte nicht wiederholen oder geht es in der deutschen Erinnerungskultur letztlich um Normalisierung? Ein Essay.

Eine Frau steht auf dem jüdischen Friedhof in Bechhofen und betrachtet einen GrabsteinJüdischer Friedhof in Bechhofen – zweitgrößter Friedhof in Bayern mit einer seiner ältesten Grabstätte von 1602 (© David Bachar)



Gemeinsam mit einem Kollegen saß ich im Januar 2021 bei einer Aufnahme im Corona-bedingt geschlossenen 1. Rang des Theatersaals des Maxim Gorki Theaters. Das Jahr hatte gerade begonnen und damit auch die Feierlichkeiten für 1.700 Jahre jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Mit Blick auf die in immer kürzeren Abständen eintrudelnden Anfragen war uns bereits im Laufe des vorhergehenden Jahres klar geworden, dass diese Feierlichkeiten anstrengend würden. High Noon für das deutsch-jüdische Gedächtnistheater – Sie kennen diesen Begriff vielleicht aus dem gleichnamigen Buch von Michal Bodemann, in dem er die Instrumentalisierung von Jüdinnen und Juden für eine Neuerfindung eines positiven deutschen Selbstbildes herausarbeitete.[1]

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hatte also zu einem Interview gebeten und es fing direkt gut an. Auf unsere Frage, wer eigentlich noch zur geplanten Dokumentation über jüdisches Leben in Deutschland eingeladen worden war, antwortete unser Gegenüber: Na wer so auftaucht, wenn man Antisemitismus und Juden googelt. Kein Scherz. Ein weiterer Klassiker, diesmal aus dem bislang ungeschriebenen Ratgeber „Wie man ein Jude für Deutsche wird“.

Die Kritik der Erzeugung der Juden [2] durch den Außenblick der Dominanzkultur habe ich gemeinsam mit Sasha Salzmann 2016 als Desintegration bezeichnet. Zwei Jahre später schrieb ich ein Buch, in dem ich diese Gedanken noch einmal unter dem Slogan Desintegriert Euch! zusammenfasste.[3] Das wusste unser Gegenüber auch, man hatte sich gut vorbereitet. In seiner Frage bezog er sich denn auch auf folgende Passage:

„Was ist das für ein arroganter Glauben, man käme so billig davon? Als könnte irgendwie irgendetwas irgendwann jemals wieder normal sein. Ich fordere einen Zusatz zur Ewigkeitsklausel des Grundgesetzes: Es wird nie wieder alles gut.“ [4]

Unser Gegenüber wollte das nicht auf sich sitzen lassen und sagte, es mache ihn traurig, dass wir sagen, es wird nie wieder alles gut. Und dann: „Meinen Sie wirklich, dass es da keine Möglichkeit mehr gibt?“ Diese Traurigkeit begegnet mir seit Jahren immer dann, wenn ich mich mit nicht-jüdischen Deutschen über dieses Thema unterhalte. Ich finde sie schon allein darum bemerkenswert, weil die Traurigen ehrlich erstaunt scheinen, dass es bei der Erinnerung etwas geben könnte, was nicht wieder gutzumachen ist. Oder, um es etwas schärfer zu formulieren: dass die Bereitschaft, sich endlich mit der eigenen Gewaltgeschichte zu befassen, einhergeht mit der Erwartung, dass die andere Seite es einem dann auch nicht so schwer machen sollte.

Vielleicht kennen Sie das ja aus eigener Erfahrung: Sie befinden sich in einer Diskussion mit Tante Rosamunde oder wahlweise auch einem Publikum und erklären, wie sie die Welt sehen. Ist diese Perspektive kritisch, steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann jemand auf, räuspert sich und sagt: ja schön und gut, aber was ist denn die Lösung für das Problem? Falls man nun die Lösung nicht direkt liefert, schüttelt die Gegenseite den Kopf und verliert akut jedes Interesse. Kritik, scheint es, wird hierzulande dadurch legitimiert, dass man wie die Cola zur Pizza auch gleich die Lösung mitliefert. Und das ist natürlich eine eigenartige Erwartung. Politische Essays sind keine Kochbücher, bei denen man die Rezepte vorkocht, die das Publikum dann zuhause nachkochen darf. Nein, diese Rezepte müssen wir – wenn überhaupt – gemeinsam finden. Und Versöhnung steht sicherlich nicht auf dem Menü der Desintegration.

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