Biografie

Gedicht des Monats: Der Kamin

von Ruth Klüger (30.10.1931 – 06.10.2020)

Täglich hinter den Baracken
Seh ich Rauch und Feuer stehn,
Jude, beuge deinen Nacken,
Keiner hier kann dem entgehn.
Siehst du in dem Rauche nicht
Ein verzerrtes Angesicht?
Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
Fünf Millionen berg ich schon!
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.

Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf.
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin,
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.

Mancher lebte einst voll Grauen
Vor der drohenden Gefahr.
Heut‘ kann er gelassen schauen,
Bietet ruh’g sein Leben dar.
Jeder ist zermürbt von Leiden,
Keine Schönheit, keine Freuden,
Leben, Sonne, sie sind hin,
Und es lodert der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.

Hört ihr Ächzen nicht und Stöhnen,
Wie von einem, der verschied?
Und dazwischen bittres Höhnen,
Des Kamines schaurig Lied:
Keiner ist mir noch entronnen,
Keinen, keine werd ich schonen.
Und die mich gebaut als Grab
Schling ich selbst zuletzt hinab.
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.

(1944)



Ruth Klüger

Über meinen Vater Artur Burmester

Von Traute Sander geb. Burmester

Wenn ich an meinen Vater Artur Burmester, 1915 bis 1985, denke, dann fällt mir als erstes ein, dass er – in meiner Kinderzeit – fröhlich war und am Sonntag – wenn er nicht arbeiten musste – morgens schon gesungen hat „Wir fürchten nicht…“ (1), und wir überlegten alle zusammen, welchen Ausflug wir machen wollten. Auch hatte er Spaß daran, mit Menschen zu diskutieren. Samstags ging er – und nahm mich mit – seine Zeitung „Hamburger Volkszeitung“ (Zeitung der KPD) zu verkaufen. Das war so ca. 1950. In Hamburg wurden nach dem Krieg viele Menschen in sogenannten „Nissenhütten“ (runde Blechhütten, die oft auf Sportplätzen aufgebaut waren und mit vielen Personen belegt waren) untergebracht, es waren noch nicht genug Wohnungen wieder gebaut worden. Ins Nissenhüttenlager gingen wir also und versuchten, die Leute zum Kauf der Zeitung zu bewegen. Auch an Gedenkmärsche für die Opfer des Faschismus von Barmbek bis Friedhof Ohlsdorf kann ich mich erinnern – auch dazu nahm er mich mit. Das war damals für mich als Kind ein weiter Weg und von den Reden habe ich nicht viel mitbekommen. Nach dem Verbot der KPD 1956 wurde er, vorher Verlagsleiter, arbeitslos. Dann arbeitete er im Heinrich-Bauer-Verlag. Er wurde zunehmend stiller und versuchte, eine Rente wegen in der Nazizeit erlittenen Unrechts (Wiedergutmachung) durchzusetzen. Ich habe das zu meiner Kinder- bzw. Jugendzeit nicht verstanden, warum das wichtig für ihn war.

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Carlheinz Rebstock

Carl-Heinz Rebstock, – er selbst schrieb immer Carlheinz – (geb. am 16. Januar 1917, gest. am 29. Juni 1986), nahm am Hamburger Widerstand aktiv teil. Er war als Schüler der reformorientierten Lichtwark-Schule in Hamburg-Winterhude früh mit sozialistischer und kommunistischer Politik in Berührung gekommen und wurde Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands). Am 30. Januar 1933 übertrug Reichspräsident von Hindenburg die Reichskanzlerschaft an Hitler. Deshalb entschloss sich Carlheinz Rebstock, nach der Mittleren Reife die Schule zu verlassen und am Widerstand teilzunehmen. Er gehörte in den Jahren 1933 bis 1936 bis zu seiner zweiten Verhaftung im Mai 1936 dem proletarischen und kommunistischen Widerstand, der ein Bestandteil des demokratischen deutschen Widerstands war, an. Nach der Beendigung der Schule absolvierte Carlheinz Rebstock eine Tischlerlehre und legte die Gesellenprüfung ab.

Er war zunächst in einer illegalen Gruppe des KJVD aktiv, baute 1933 mit Freundinnen und Freunden aus Hamburg-Barmbek eine jugendliche Widerstandsgruppe auf, die aus parteilosen, jüdischen und kommunistischen Mitgliedern bestand. Viele wurden 1934 aufgrund Verrats verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu Haftstrafen verurteilt.  (mehr …)

In Planung: Harry Naujoks – Mein Leben im KZ Sachsenhausen

In Planung:  Harry Naujoks – Mein Leben im KZ Sachsenhausen – 1936 bis 1942 Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten

Die Erinnerungen wurden herausgegeben von Martha Naujoks und dem Sachsenhausenkomitee für die BRD im Jahr 1989. Der Dietz Verlag Berlin veröffentlichte eine Lizenzausgabe für die DDR. 

Harry Naujoks, geboren 1901 in Harburg, Beruf Kesselschmied. Trat 1918 der Gewerkschaft und 1919 der KPD bei. 1934 Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“; zwei Jahre und drei Monate Zuchthaus. 1936 KZ Sachsenhausen, von Mai 1939 bis September 1942 Erster Lagerältester, danach KZ Flossenbürg. Bis zu seinem Tode am 20. Oktober 1983 Präsident des Sachsenhausen-Komitees in der BRD und Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees.  (Daten vom Klappentext der Buchausgabe von 1989) (mehr …)

Niederschrift nach Berichten von Lucie Hess

Niederschrift nach Erzählungen von Lucie Hess am 6.12.1984 und 12.12.1984 in der Leipziger Str. 54 von Dr. Alfred Drögemüller. Zusammengetragen von Nov. 1984 bis Febr. 1985 von Ursula Suhling (Bezirks-Geschichts-Kommission der VdN Berlin), Grete (Saefkow-Gruppe „Ilse“) und Alfred Drögemüller.

Zielstellung: Sammlung von Fakten über die Tätigkeit (Unterkünfte, Verbindungen, Wirken) des Genossen Bernhard Bästlein vom Tage seiner Flucht aus dem Gefängnis Plötzensee am 29. Januar 1944 bis zu seiner erneuten Festnahme am 30. Mai 1944.

Am 28./29. Januar 1944 fand ein Luftangriff statt, bei dem Teile des Hauptgefängnisses Plötzensee zerstört wurden. Dabei gelang es Bernhard Bästlein zu fliehen. In Plötzensee hatte B.B. vom Genossen Alf Raddatz, den er aus Hamburg kannte, die Adresse der Lebenskameradin des Raddatz, der Lehrerin Johanna Falcke in Berlin-Halensee sowie die Adresse des ihm (Raddatz) bekannten Tischlermeisters Walter Glass in der Wilhelmstraße erhalten. Genosse B.B. hat zunächst versucht, sich mit Glass in Verbindung zu setzen. Das misslang, weil das Viertel um die Wilhelmstraße wegen der Einwirkungen des Bombenangriffs abgesperrt war. Danach hat er sich nach Berlin-Halensee begeben. (mehr …)

Kurze Biografie Agnes Gierck

Agnes Gierck (geb. Höhne), geboren am 28. Februar 1886 in Wechmar, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie besuchte die Volksschule bis zur Selekta. Aus finanzieller Not konnte ihre Familie sie nicht auf die Höhere Schule schicken. Nach dem Umzug ihrer Familie nach Hamburg arbeitete sie als Hausangestellte, später als Plätterin.

1909 heiratete sie den Steinträger Karl Gierck, mit dem sie die gleiche politische Überzeugung verband. Sie lebten mit ihren drei Kindern, einer Tochter und zwei Söhnen, in Hamburg-Langenhorn, Wattkorn 8.

1929 trat das Ehepaar der KPD bei und schloss sich 1933 dem illegalen Widerstand an. Bereits vor dem Machtantritt Hitlers begann die KPD, sich auf die Illegalität vorzubereiten, z.B. wurden überall Fünfergruppen gebildet. In einer dieser Fünfergruppen in Langenhorn arbeitete Agnes Gierck mit. Sie war Hauptkassiererin für Parteibeiträge und sammelte Geld für die Rote Hilfe. Die Rote Hilfe unterstützte Familien, deren Angehörige wegen ihrer politischen Einstellung eigesperrt waren bzw. verfolgt wurden. Agnes beteiligte sich an der Verteilung illegaler Zeitungen und Flugblätter. Diese warnten vor dem Ziel der Nazis: einem kommenden Krieg und forderten die Menschen auf, sich zu wehren. (mehr …)

The Stender Family

Written by Ruth Stender

The Stender household lived in a two apartments at Gertigstrasse 56.  Rudolf was born 26th December 1899, Ernst on 13th April 1901, Hans on 4th January 1902, Lotte on 4th November 1906 and Werner on 21st December 1915.  They were an ordinary working-class family but there were always political discussions taking place as they sat around the dining table.  They had socialist beliefs, being members of the SPD and they were against the decision of the Kaiser and his government to go to war in 1914.  This did not prevent Rudolf (senior) being conscripted into the army at the age of forty years.  Having briefly described the family unit, I will detail Rudolf, Ernst and Werner’s life.

Rudolf

Rudolf and his siblings observed how life was so difficult for the families in Hamburg during the war.  There was poverty, lack of food and warmth in many people’s homes.  Rudolf took part in many illegal demonstrations and he became a delegate at the Hamburg Stadt Conference.

Finally, in 1917, Rudolf at the age of 17 years was conscripted into the army where he fought on the eastern front. During this time, he secretly distributed to his fellow soldiers, leaflets which were produced by the USPD. These pamphlets emphasized that this was an imperialist war.  Incredibly, Rudolf was not caught as his actions would have been considered traitorous.  Ernst sent more leaflets when Rudolf requested them.

The effect on Rudolf becoming a soldier during those dreadful times must have been the reason for some of his later actions.  He felt that he should be more militant fighting against the injustices back home.  After being injured in the war, Rudolf returned to Hamburg where he took part in the Hamburg revolution of 1918/19. (mehr …)

„Blaue Blume“ und „Rote Fahne“ – die Telemanngruppe im Widerstand

Ich habe gezögert, ob ich die kleine Rede, die mein Vater Albert (Ali) Badekow 1947 bei einem Wiedersehenstreffen der „Telemanngruppe“ hielt, als ersten Beitrag in unsere Rubrik „Dokumente, die uns wichtig sind“ stellen sollte. Eigentlich wollte ich diesen wiedergefundenen handschriftlichen Text auf einer Veranstaltung der VVN-BdA Eimsbüttel in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel in der „Galerie Morgenland“ am 27.April vorstellen, dann kam der Corona-Virus. Ich hoffe, dass diese Veranstaltung nachgeholt werden kann. Ist es dann aber sinnvoll, mit diesem Text einen wesentlichen inhaltlichen Teil schon vorab zu veröffentlichen? Ich meine: ja. Denn es macht hoffentlich neugierig, ihn in den historischen Zusammenhang zu stellen und die Aktualität zu diskutieren.

Die Veranstaltung sollte unter dem Motto „“Blaue Blume“ und „Rote Fahne“- Die Telemanngruppe im Widerstand“ stehen und von einer Gruppe Jugendlicher aus der Schule Telemannstrasse berichten, die ihr gemeinsames Jugend(er)leben mit antifaschistischen Aktionen verbanden, die nicht wenige von ihnen viele Jahre Zuchthaus und KZ einbrachten. Sie verband gemeinsame Werte und Überzeugungen, das politische Spektrum reichte dabei vom Kommunistischen Jugendverband bis zur Bündischen Jugend, bei manchen in einer Person verbunden.

Der vorliegende „kurze Bericht zum 15-jährigen Bestehen“ – in der Sprache aus heutiger Sicht vielleicht etwas schwärmerisch, für die damalige Jugendbewegung aber authentisch – widerspiegelt den „Geist der Telemänner“, wie sie es selbst empfanden und benannten. Und erzählt von einer Seite des antifaschistischen Jugendwiderstandes, der nicht in Vergessenheit geraten darf.

Peter Badekow, 25.04.2020

Die Geschichte der Telemanngruppe

Die Geschichte der Telemanngruppe

zu ihrem 15-jährigen Bestehen im Frühjahr 1947   von Albert (Ali) Badekow

Wenn ein Kreis von jungen Menschen über 15 Jahren zusammenhält, über Jahre die uns das grenzenlose Grauen des Krieges brachten, die uns immer wieder auseinanderrissen, in alle Welt zerstreuten und doch schließlich wieder zusammen führten, wenn der Terror der Gestapo unseren Kreis wohl vorübergehend schwächen und auflösen, aber nicht zersprengen konnte, dann muss etwas tiefes, verbindendes zwischen uns bestehen. Wir haben niemals groß über diese unsichtbaren Fäden von Mensch zu Mensch gesprochen, vielleicht haben wir nicht einmal besonders darüber nachgedacht. Aber wir haben sie von tiefstem Herzen erlebt und empfunden. Und das ist viel, viel mehr! Eine Gemeinschaft lässt sich nicht theoretisch aufbauen oder aus gutgemeinten Reden zusammenleimen. Sie muss erlebt werden und organisch wachsen. Ich will mich daher auch vor dem „Zerreden“ dieser, unserer schönsten und wertvollsten seelischen Inhalte hüten. Aber wir wollen einmal zurückblickend den Wurzeln unseres Kreises nachgehen, wollen noch einmal ganz kurz die vergangenen Jahre durcheilen. Vielleicht gibt es uns in  dieser harten Zeit den Mut, den Kopf etwas höher zu tragen und noch stärker das zu empfinden, was uns Mut und Vertrauen gab, was uns in dunklen Stunden im Gefängnis, in den Kellern der Gestapo vor der fatalistischen Verzweiflung, vor der Preisgabe unserer besten menschlichen Substanz bewahrt hat.

Unser Kreis ist nicht starr in sich geschlossen geblieben. Neue Menschen kamen zu uns, blieben, oder wurden – ebenso wie viele alte Freunde – durch Eingriffe des Schicksals wieder von uns getrennt. Aber der alte Gruppengeist rettete sich auch durch diese Fluktuation, übertrug sich auf unsere neuen Freunde und lebte in ihnen weiter. So können wir auch heute noch vom Telemännergeist reden, wenn auch von der alten Schar nicht mehr viele unter uns sind.

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