Zur Diskussion um einen neuen Gedenkort für die Opfer des Kriegs und der Besatzung Polens

Ein neuer Gedenkort soll entstehen. Ein Ort für die Opfer des Kriegs und der Besatzung Polens. So wurde es im Frühjahr bei einem Treffen von Außenminister Heiko Maas mit seinem polnischen Amtskollegen vereinbart. Vorangegangen sind dem verschiedene Initiativen. Vor allem vom Deutschen Polen-Institut und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die schließlich  einen gemeinsamen Vorschlag für einen Gedenkort eingebracht haben, der Formen des Gedenkens mit einem Dokumentations- und Bildungszentrum verbinden soll.

Die Diskussion um einen solchen Gedenkort verläuft nicht ohne Kontroversen. Es gibt Zustimmung: „Ein Denkmal, das den Überfall auf Polen als Beginn des Zweiten Weltkriegs (zumindest auf dem europäischen Kriegsschauplatz) zum Ausgangspunkt hat, dann aber durch mehrsprachige Widmungen in den Sprachen der besetzten Länder auch eigene Annäherungen an ein Denkmal ermöglicht, wäre ein gemeinsames Erinnerungszeichen mit vielfältigen Zugängen“ (so Detlev Garbe, Historiker und ehem. Leiter der Gedenkstätte Neuengamme in polendenkmaldebatte.blog). Zugleich werden aber auch Befürchtungen laut, eine Begrenzung auf ein alleiniges Denkmal für die polnischen Opfer könnte eine ‚Renationalisierung‘ des Gedenkens bestärken. Eine solche Renationalisierung des Gedenkens birgt immer auch die Gefahr einer einseitig  nationalistisch geprägten Geschichtsschreibung die z.B. , wie in Polen, nicht den Angriffskrieg des Hitler-Faschismus als Auslöser des Zweiten Weltkriegs verstehen will, sondern den ‚Hitler-Stalin-Pakt‘, und somit der Sowjetunion eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zuschreibt.  Diese Art der Geschichtsrevision ist das offensichtliche Interesse der gegenwärtigen polnischen Regierung, die dieses Narrativ auch bereits in einer Resolution des EU-Parlaments durchsetzen konnte (19. September 2019).

Wie es mit der Diskussion um diesen Gedenkort weitergeht, wird im parlamentarischen Bereich nun zunächst Aufgabe des Bundestages und seiner Ausschüsse und dann bilateral zu klären sein.

Brief der ‚Kinder des Widerstands‘ an Außenminister Heiko Maas

Die Mitglieder der Kinder des Widerstands in Hamburg haben in einem Brief an Bundesaußenminister Maas die Absicht, einen Gedenkort für die Opfer des Kriegs und der Besatzung Polens zu schaffen, begrüßt. Zugleich haben sie darauf hingewiesen, dass er auch das Gedenken an diejenigen bewahren sollte, die zu den ersten Opfern des Zweiten Weltkriegs wurden: Es waren KZ-Häftlinge, die bei den fingierten Überfällen auf deutsche Grenzanlagen und den Sender Gleiwitz in polnische Uniformen gezwungen wurden – um als Beweise für den angeblichen polnischen Überfall herzuhalten. Zu den 10 bis 15 Häftlingen des KZ Sachsenhausen, die dafür missbraucht wurden, gehörten zwei Hamburger Widerstandskämpfer, Ludwig Wangelin und Harder (gen. Harry) von Bargen. Man kennt nicht alle Namen der eingesetzten Häftlinge. Die meisten der zu diesem Einsatz ‚abkommandierten’ Häftlinge haben ihn wohl nicht überlebt. Im Fall des Hafenarbeiters Harry von Bargen, KPD- und RFB-Mitglied, und einem weiteren Häftling, Walter Schmalenberg, existieren widersprüchliche Angaben über ihren Todeszeitpunkt. Während Rudolf Wunderlich, Lagerläufer im KZ Sachsenhausen, berichtete, dass beide zunächst zurückgebracht und im Zellenbau nach einigen Monaten Isolation umgebracht wurden, gehen andere Quellen davon aus, dass sie bereits während der fingierten Überfälle ermordet wurden.

In ihrem Brief an Minister Heiko Maas weisen die Kinder des Widerstands darauf hin, dass diese missbräuchlich eingesetzten und ermordeten Widerstandskämpfer zu den ersten Opfern des Zweiten Weltkrieges gehören, und dass es wichtig sei, an einem Gedenkort für die Opfer des Kriegs und der Besatzung Polens auch an ihr Schicksal zu erinnern, ihre Geschichten zu erzählen und auch ihnen einen würdigen Platz des Gedenkens zu schaffen. Gerne sei man bereit, so in dem Schreiben weiter, dazu Informationen zusammen zu tragen und sich in die Gestaltung der weiteren Planungen für den Gedenkort einzubringen.

Im Antwortbrief des Außenministeriums, unterschrieben von Staatsministerin Michelle Müntefering MdB, wird einerseits darauf hingewiesen, dass der Bundesregierung bei der Initiative für den Gedenkort die polnische Perspektive ein wichtiges Anliegen sei. Zugleich äußert sie, gerichtet an die Kinder des Widerstands, die Überzeugung, dass „Ihr Engagement ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungsarbeit in Deutschland ist“. Sie verweist die Kinder des Widerstands auf die Möglichkeit, inhaltliche Gestaltungsideen direkt in die öffentliche zivilgesellschaftliche und parlamentarische Debatte einzuspeisen. Hier der Briefwechsel mit dem Ministerium:

Brief der Kinder des Widerstands (Hamburg)

Antwort des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten