Über uns

 

Wer wir sind und was wir wollen

Warum haben sich Kinder und Enkel von Verfolgten des Nazi-Regimes und von WiderstandkämpferInnen zusammengefunden, treffen sich regelmäßig und arbeiten an verschiedenen Projekten, u. a. an diesem Blog? Es eint uns eine tiefe Abscheu gegen den Nazismus und alle Formen des Faschismus. Viele von uns haben deshalb ein sehr bewegtes, politisch aktives Leben hinter sich. Wir – die Nachgeborenen – waren als Jugendliche in den verschiedenen Bewegungen gegen alte und neue Nazis, für Demokratisierung und gegen den Muff aus 1000 Jahren dabei. In diesen Jahren erkämpfte auch eine Kolonie nach der anderen die Unabhängigkeit. Es war eine Zeit des Aufbruchs in der ganzen Welt.

Gleichzeitig hatten manche von uns noch ein zweites, inneres Kampfgebiet, auf dem sie öfter drohten unterzugehen. Sie führten einen Kampf gegen die Folgen von Folter und psychischen Schäden, die nicht sie selbst, sondern ihre Eltern in den Lagern der Nazis erlitten hatten. Das waren diejenigen unter uns, die dann meist schweigend und hilflos mit diesen Auswirkungen umgehen mussten, ohne sie überhaupt verstehen zu können, denn die Ursachen lagen außerhalb der eigenen Person. Das Verständnis für solche psychischen Prozesse war nirgends groß. Aber ob und wie wir die Beschädigungen unserer Eltern bewältigen konnten, und dann die Auswirkungen in uns selbst erkennen und bewältigen konnten, und schließlich, ob wir genügend Souveränität über unser eigenes Leben von ihnen mit auf den Weg bekommen hatten, das war und ist bei jeder und jedem von uns anders ausgeprägt.

Die meisten von uns haben quasi mit der Muttermilch ein „kommunistisches Menschenbild“ vermittelt bekommen, denn der Kern – ein Leben ohne Ausbeutung, ohne Rassenhass, in Gleichheit und Solidarität – einte in der Nazizeit den Widerstand. Das für die Prägung der Älteren unter uns Kindern relevante in den 30ger bis 50ger Jahren entstandene Menschenbild war „Ausdruck der Kämpfe der Zeit“, also der Jahrzehnte vor der Machtergreifung der Nazis bis zum erneuten Verbot der KPD 1956. In diese Zeit fiel der fürchterlichste Krieg, den die Menschheit erlebt hatte und die schwerste Niederlage der internationalen Arbeiterbewegung. Die Rote Armee besiegte Nazi-Deutschland zusammen mit den anderen Alliierten, die Sowjetunion hatte aber während dieses Krieges ein Fünftel ihrer Bevölkerung verloren, 27 Millionen Menschen, ermordet vor allem durch Deutsche.

Zu dieser historischen Tragik kam eine weitere hinzu: diese Jahrzehnte waren zugleich die Jahrzehnte der Willkür, die in der Sowjetunion herrschte und die verbunden waren mit dem Namen Stalin. Manche unserer Eltern und Großeltern hat es auch ganz persönlich getroffen, es gab verschwundene Genossen sogar in Hamburg. Das „kommunistische Menschenbild“ war den gleichen widersprüchlichen Entwicklungen und auch Deformationen ausgesetzt gewesen, wie die Politik der kommunistischen Parteien vor 70, 80, 90 Jahren.

Wir Kinder und Enkel der Verfolgten und der WiderstandkämpferInnen waren eigentlich angetreten, die bessere Welt, für die unsere Eltern gekämpft hatten, Wirklichkeit werden zu lassen. War das unsere Entscheidung allein? Wo blieben unsere Hoffnungen, unsere Enttäuschungen, wo blieb unsere Trauer? Manche von uns tragen noch heute eine tief sitzende Trauer in sich, die nicht in erster Linie dem Tod der Eltern galt, sondern die dem Ende des Traums mehrerer Generationen, dem vorläufigen Ende einer ganzen Epoche jedenfalls in Europa gilt. Dieses Ende war nicht absehbar, es war auch nicht unabänderlich. Es war durch konkrete Feinde und durch konkrete eigene Fehlentwicklungen herbeigeführt worden. Was unsere Eltern angestrebt haben, hat schwerste Niederlagen erlebt und wird dennoch weiter um die Welt getragen, es gibt neue Wege in Asien und Lateinamerika, einen „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts“ aufzubauen.

Wir waren mit einer Vielzahl von Widersprüchen konfrontiert, mit vielen parallel verlaufenden historischen Prozessen. Fest steht: Wir waren nicht nur die Objekte der Erziehung unserer Eltern. Wir waren und sind auch die Subjekte unseres eigenen Lebens. Wir achten und schätzen die historische Tat unserer Eltern, die im Kern darin bestand, den mörderischen Nazi-Barbaren eine elementare Humanität entgegen gehalten zu haben. Dieses Widerstehen fand oft unspektakulär, im Stadtteil, in den Ghettos, in den KZs, in Auschwitz, unter Partisanen, an den Fronten, in der Widerstandszelle und auch im Exil statt. Wie ist es um diese Humanität heute bestellt?

Was machen wir? Wir machen uns an den Scherbenhaufen: Wir sammeln Mosaiksteine der Verfolgten und Widerständigen, Mosaiksteine des Dissenses gegen den rassistischen, nationalistischen, sozialdemagogischen und terroristischen Rattenfänger-Faschismus. Vielleicht können wir aus den Scherben manches rekonstruieren und verstehbar machen und daraus schließlich neue Bilder entwerfen. Wir haben für uns „Kinder und Enkel“ beschlossen, vielfältige, lebendige, manchmal auch berührende Treffen zu gestalten. Wir wollen Ideen sammeln und ausprobieren, welche Art „Gestaltung“ uns am besten gefällt. Das Geheimnis unserer Treffen könnte künftig darin bestehen, dass wir primär andere als politische Kriterien und Zielsetzungen haben. Wir wollen sprechen von uns und über uns. Wir sind hier selbst Thema, wenn und soweit wir das wollen.

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